Filmtipp: DIE HÄNDE MEINER MUTTER // ab 01. Dezember 2016 im Kino!

Von dem Tabuthema sexuelle Gewalt durch Mütter wurde filmisch bislang nicht in ähnlich konsequenter Form erzählt, obwohl der Unabhängige Bundesbeauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs die Zahl der Frauen unter den Tätern auf immerhin 10-20% beziffert.

DIE HÄNDE MEINER MUTTER ist ein kluges und hochkarätig besetztes Drama, in dem das scheinbar idyllische Leben sich Schritt für Schritt als Chronik der Grausamkeit entblößt. Der Film wurde von der FBW mit dem Prädikat „Besonders wertvoll“ausgezeichnet und wird zum Kinostart vom Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs unterstützt.

Vor der Kamera agiert ein großartiges, bis in die Nebenrollen perfekt besetztes Ensemble: Andreas Döhler (MILLIONEN, WER WENN NICHT WIR) spielt die Hauptfigur Markus, Jessica Schwarz (HEITER BIS WOLKIG, DAS PARFUM) ist Monika, die starke Frau an seiner Seite. Für die Rolle der Mutter Renate konnte Katrin Pollitt (HEUTE BIN ICH BLOND, DIE PÄPSTIN) gewonnen werden, Heiko Pinkowski (SCHROTTEN, ALKI ALKI) ist als ihr Mann sowie Katharina Behrens (ES WAR EINMAL INDIANDERLAND) als Markus‘ Schwester Sabine zu sehen.

 www.diehaendemeinermutter.de

Immer mehr Kinder mit Depressionen

Psychiater alarmiert 

Ärzte Zeitung online, 02.03.2015

Von Sabine Dobel

Immer häufiger stellen Ärzte bei Jugendlichen oder gar schon bei Kindern eine Depression fest. Kinder- und Jugendpsychiater sind alarmiert. Eine depressive Episode von mehreren Wochen oder Monaten trifft bereits 14 Prozent der Jugendlichen.

MÜNCHEN. Blass, müde, mit ausdruckslosem Gesicht sitzt die 13-Jährige in der Sprechstunde. Die Eltern sind ratlos. „Wir haben schon so viel versucht.“

Das Mädchen geht seit Wochen nicht aus dem Haus. Freundinnen rufen nicht mehr an. Am Ende des Arzttermins ist klar: Depression. Die Volkskrankheit, die nach allgemeiner Ansicht Erwachsene trifft, holt anscheinend immer öfter auch Kinder und Jugendliche ein.

Die Zahl entsprechender Diagnosen sei in den vergangenen zehn Jahren deutlich gestiegen, sagt Professor Gerd Schulte-Körne von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität München.

„Es gibt eine dramatische Zunahme im ambulanten und stationären Bereich.“

Schulte-Körne leitet vom 4. bis 7. März den Kongress der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP).

Rund 2000 Kinder- und Jugendpsychiater diskutieren in München über „Veränderte Gesellschaft – Veränderte Familien“ und die Herausforderungen an Kindheit und Jugend.

„Wenn ein Kind länger traurig war und sich zurückgezogen hat, hat man das früher nicht ernst genommen“, sagt Schulte-Körne.

Dabei könne das der Anfang einer depressiven Phase sein – die unbehandelt in Alkohol, Drogen, einer chronischen Depression oder gar Selbstmord enden kann.

Ganz unterschiedliche Anzeichen für Depression

Heute seien Eltern, Freunde und Lehrer aufmerksamer. Grundlose Bauchschmerzen, große Müdigkeit und Aggressionen können Hinweise auf eine Depression sein.

Bei zwei bis vier Prozent der Kinder im Grundschulalter stellen Fachärzte eine depressive Episode von mehreren Wochen oder Monaten fest, bei Jugendlichen sind es 14 Prozent, fast so viele wie bei Erwachsenen mit 20 Prozent.

„Wir haben so viele Kinder, die depressiv erkrankt sind. Aber wir haben immer noch ganz wenig Wissen, wie wir ihnen helfen können“, sagt Schulte-Körne.

Sport, Lichttherapie, Gespräch und nur im Notfall Medikamente – erstmals gebe es zumindest Behandlungsleitlinien. Doch selbst Fachärzte wendeten noch immer ungeeignete Gesprächsmethoden und Medikamente an. Depression bei Kindern wird unterschätzt.

Grund für die hohen Zahlen bei Jugendlichen sind laut DGKJP unter anderem neben Pubertät schulische Überforderung – und Mobbing in Schule oder sozialen Netzwerken.

Fast 30 Prozent der Schüler sind damit konfrontiert, fast die Hälfte spricht nicht darüber und schämt sich für das „eigene Versagen“.

Veränderte Lebenswelten der Kinder

„Stress durch Belästigung und Beschimpfung ist ein nicht zu unterschätzender Risikofaktor für Depression“, warnt Schulte-Körne. Hinzu komme die exzessive Nutzung des Internets und damit ein veränderter Schlaf-Wach-Rhythmus.

„Durch veränderte Lebenswelten haben die Kinder auch weniger Möglichkeiten zu kompensieren – sie gehen viel weniger raus.“ Dabei sind gerade frische Luft, Licht und Bewegung die beste Therapie.

Ein Hauptrisiko für psychische Störungen bleibt ein frühes Trauma. „Am meisten betroffen sind Kinder, die frühe traumatische Erfahrungen hinter sich haben: Sexueller Missbrauch, körperliche Misshandlung“, sagt Schulte-Körne.

Trotz Aufklärung: „Wir wissen, dass das immer noch relativ häufig passiert – und oft weggeguckt wird.“Stark gefährdet sind auch Flüchtlingskinder, die nach traumatischen Ereignissen immer häufiger auch ohne Eltern Zuflucht in Deutschland suchen.

Aber der Zugang zu ärztlicher Hilfe ist in Unterkünften und Heimen extrem erschwert.

„Die Kommunen haben noch nicht erkannt, dass die Traumafolgen der jugendlichen Flüchtlinge zu erheblichen psychischen Problemen führen können und daher fachärztliche Behandlung bedürfen“, sagt Schulte-Körne.

Risikofaktor Ehescheidung

Trennungen der Eltern erhöhen das Risiko ebenfalls. Mehr als jede dritte Ehe geht laut Statistischem Bundesamt binnen 25 Jahren auseinander. Fast die Hälfte der 2013 geschiedenen Ehepaare hatte Kinder unter 18 Jahren, rund 136.000 Kinder waren betroffen.

Eine Studie am Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik und Bildungsforschung der Universität München ergab, dass Kinder bei Trennungen unter vielfältigen Faktoren leiden: Der Streit der Eltern, der Druck, sich mit einem Elternteil zu verbünden, die Umstellung auf neue Partner der Eltern – und finanzielle Belastungen.

Denn oft können sie sich nicht leisten, was ihre Freunde haben – eine zusätzliche Kränkung. Dennoch fand das Team um Sabine Walper heraus: Eine Trennung belastet oft kaum mehr als Dauerkrach der Eltern.

„Wie versuchen, dass wir Kinder bei Trennungen und in schwierigen Familiensituationen früh begleiten“, sagt Schulte-Körne. Und: „Wir müssen frühzeitig in Familien gehen, in denen die Eltern schon depressiv erkrankt sind.“

Denn die Krankheit ist Stress für die Kinder – sie sind damit stärker gefährdet.

Tatsächlich gibt es auch eine genetische Veranlagung. Ein Beispiel ist das Gen FKBP5. Jeder zweite Mensch hat eine bestimmte Variante dieses Gens, das anfälliger macht für Stress.

„Bei jedem kleinen Stress wird mehr Stresshormon ausgeschüttet. Die Menschen haben mehr Schwierigkeiten wieder runterzukommen“, sagt Elisabeth Binder vom Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie.

„Wenn man dann ein Trauma in der Kindheit erlebt, hat man ein deutlich höheres Risiko, an Depression oder posttraumatischer Belastungsstörung zu erkranken.“

Die Hauptfrage sei: „Wie können wir verhindern, dass es zu Erkrankungen kommt?“ Die Forschung steht am Anfang. Vor allem bei Kindern ist die Bedeutung des Gens weitgehend unerforscht.

Eine Studie läuft derzeit an der Charité in Berlin in Zusammenarbeit mit dem MPI. Es wird Jahre dauern, bis Ergebnisse vorliegen, die dann hoffentlich eine bessere Behandlung oder Prävention ermöglichen. (dpa)